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  • Philipp Rosendahl

Das Nichts

Zunächst muss wohl einmal festgehalten werden, dass das Nichts in einer Dimension operiert, die für die menschlichen Sinnesorgane wohl nicht vollends zu entschlüsseln ist. Eigentlich gibt es noch nicht einmal Beschreibungen des Nichts aus menschlicher Perspektive, es ist somit fraglich, ob und wie das Nichts in der Menschenwelt auftritt. Einzig einige Beschreibungen von Phantasiern aus Bastians Phantasiewelt geben einen Einblick in das, was das Nichts sein könnte. Jedoch lässt ihre Darstellung einer großen Fläche, die aussieht als sei man blind nur den Schluss zu, dass Bastians Phantasie an dieser Stelle vor der Größe des Problems kapituliert, oder aber dass das Nichts tatsächlich so wenig wie möglich sein soll. Und muss. Es also auch keine Anziehung oder bildhafte Wirkmacht ausüben soll. Natürlich, es stürzt sich manch ein Phantasier in Bastians Phantasien in das Nichts, weil es wohl „magisch anziehend“ ist, allerdings handelt es sich hierbei wohl eher um die Vernichtung der Phantasie im Unterbewusstsein, als um eine tatsächliche Strahlkraft des Nichts.


Um dem Weg des Nichts in die Menschenwelt zu folgen, muss man, glaube ich Bastians Phantasie traumlogisch untersuchen, um zu verstehen, welche phantastische Regung welches realistische Element auslöst oder anstößt. Das Phantasien, was wir sehen, ist Bastians Phantasien, das Nichts, was wir nicht sehen ist Bastians Nichts. Natürlich wird beides unser eigen, sobald wir lesen, hören etc. Allerdings ist die These glaube ich wichtig, um die Metaphorik teilweise zu decodieren, obwohl man das natürlich weder muss noch sollte. Vor allem, wenn das Nichts attraktiv bleiben soll und das muss es ja als Antagonist. Denn das Nichts ist anspruchslos und damit schön für alle, die es lieber leicht haben. Die den Nebel vorziehen vor der Klarheit, den Unmut vor der Liebe, die sich einrichten in Mustern statt zu zweifeln und zu bangen.


Aber zurück. Betrachten wir das ganze psychologisch aus Bastians Perspektive. Sei nun Phantasien inklusive des Nichts Ausdruck Bastians Unterbewusstseins. Typisch, dass wir uns Muster und Erklärweisen bauen, um die Welt um uns herum zu verstehen, die eigentlich viel zu komplex für sowas wie Verständnis ist, typisch auch, dass wir Leerstellen, Nebel, unangetastete Bereiche haben. Im positiven dienen diese uns als Schutz, denn bestimmte Traumata könnten wir womöglich nicht überleben, wären wir ihnen in voller Gänze ausgesetzt, allerdings ist jeder Teil dieser Verdrängung auch immer Verzicht auf Teil unserer Persönlichkeit und vor allem außerhalb unseres Machtbereichs, denn die Verdrängung läuft automatisiert und muss schon aktiv gestoppt werden, damit sie uns nicht ganz zerfrisst. Zu Bastian also: In der Realität ist er konfrontiert mit einer dysfunktionalen Familie, die eigentlich nur durch ihr Nicht-bestehen existiert, Mutter tot, Vater unantastbar und kalt, Zustand gleichbleibend und unveränderbar hoffnungslos. Keine Wärme, keine Liebe und vor allem kein Zuhause. In der Schule sind die anderen Kinder Monster, die Lehrkräfte auch, der Lehrstoff auch. Selbst der eigene Körper ist Feind, kein Zuhause. Wohin also? Schon in der echten Welt ist alles Nichts, weil nichts einen Wert hat, wenn dann einen Negativen. Interessant auch, dass der Bote Phantasiens (Herr Koreander (ich gehe davon aus, dass die Buchhandlung das Tor ist, weiß nicht ob sie real existiert oder nicht)) ein zunächst derart unfreundlicher und feindseliger Charakter ist, dass man gar nicht mehr weiß, ob denn hier die Welt so unfassbar schlecht ist, oder ob wir es einfach mit einer sehr, ich sage mal dunkelsehenden Hauptfigur zu tun haben. Es ist wahrscheinlich auch egal, denn die Welt ist, was Bastian sieht und Phantasien ist wohin er flieht bzw. was er konfrontiert und dann auch wünscht.


Bastian also flieht vor dem Nichts in der echten Welt nach Phantasien und wird dort konfrontiert mit dem Nichts als größter Feind Phantasiens.


Herr Koreander bezeichnet Bastian als Versager und ich glaube, er hat recht. Bastian leistet nicht das Erwartete. Nur ist das Erwartete nicht etwa die gute Leistung in der Schule und die gesellschaftliche Konvention. In der Funktion Herrn Koreanders als Bote Phantasiens ist das Erwartete die Bereitschaft zur Konfrontation des Nichts. Bastian gibt die dunklen Stellen seines Lebens peu a peu auf, die dunklen Stellen sind das Nichts und müssen in Phantasie verwandelt werden. Wenn in Phantasien Phantasier ins Nichts gehen können, kann in der echten Welt das nichts zu Phantasie gemacht werden.


Das Nichts ist nicht sichtbar, weil es in dem Moment in dem man es sichtbar macht (und das geht!) nicht mehr das Nichts ist. Das Nichts ist die Konfrontation mit dem, was wir momentan nicht sehen können und wollen.


Reizvoll am Nichts ist der Zustand des Nichts-machen-müssens. Das Nichts fängt einen auf, gibt einem Halt. Im Nichts wird man nicht verantwortlich gemacht für Dinge, für die man eh nichts kann. Im Nichts hat man eine große Gemeinschaft, jeder Schatten ist Freund statt Feind. Im Nichts kann man sich beklagen ohne die Konsequenzen tragen zu müssen. Alles ist möglich im Nichts, denn nichts wird den Zustand verschlechtern. Es ist ja eh schon alles nichts. Nichts kostet. Es gibt keine Resonanz. Es gibt zwar keine tiefgreifenden positiven Erlebnisse, aber eben auch nicht das dunkle Gegenstück dazu. Ist alles Feind, so ist alles ok, denn alles ist definiert. Das Schlimmste ist das Nichtbegreifen. Im Nichts begreift man alles, denn alles ist Nichts, also Scheiße, also Gegner, deshalb ist der Zustand des Nichts ok. Er schützt zumindest.


Phantasien ist der Gegenentwurf. Phantasien ist Utopie. Phantasien ist Versuch und Wunsch und Hoffnung. Phantasien ist Haltung. Ist Risiko, denn Phantasien ist man immer nur selbst. Niemand kann dein Phantasien jemals verstehen, weshalb du mit leeren Blicken und Kopfschütteln betrachtet wirst, aber das ist eigentlich nicht schlimm, denn Phantasien hat keine Grenzen. Phantasien ist auch Risiko, weil es Macht verleiht. Automatisch. Der Umgang damit definiert die Transferbereitschaft zur echten Welt.


Natürlich sind die Definitionen lächerlich, denn wer das Material und die Psyche nur ein wenig versteht, weiß, dass die Grenzenlosigkeit Phantasiens uns aufzeigt, dass es keine abzutrennenden Definitionsräume geben kann. Phantasien ist die echte Welt, die echte Welt Phantasien, das Nichts bedroht uns überall. Eher haben wir es hier wohl mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Weltbetrachtung zu tun. Mit schicksalsverbundenen Entscheidungen oder mit entschiedenem Schicksal, mit der großen Gefahr des Sinnverlusts.


Das Nichts ist dann wohl am ehesten das Nicht-mehr-Vorkommen. Die Reste von Phantasien ein Rest der Sinnlichkeit, des unerklärbar Sinnvollen. Wahrscheinlich kann ja nur das sinnvoll sein, was nicht erklärbar ist.


Höchstwahrscheinlich ist das Nichts also nichts Äußeres, sondern etwas zutiefst Inneres. So wie jeder ein Phantasien hat, hat jeder auch ein Nichts. Die Frage ist wieviel und welchen Platz wir ihm einräumen. Und natürlich ist das Nichts höchst ansteckend, da es unser kleinster gemeinsamer Nenner ist.


Nur die vom Nichts gesteuerten Handlungen sind äußerlich. Wer sich dem Nichts vollends hingibt, wird zum Boten des Nichts und ist vor allem in der Übergangsphase höchstinfektiös. Anschließend landet man wahrscheinlich in der alten-Kaiser-Stadt. Obwohl man natürlich auch durch Phantasien in der alten-Kaiser-Stadt landen kann.


Jedenfalls ist das Nichts sowas wie ein Organ. Eine Person kann nicht zum Nichts werden, wohl aber dem Nichts dienen. Phantasier können ins Nichts gehen und werden zu ihrer zielgerichteten Perversion. Das Ziel ist das stumpfsinnige Dienen. Wem oder was, das ist egal, nur nicht dem Eigenen.

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