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  • Philipp Rosendahl

Operette und Kunst

Was kann die Operette im bürgerlichen Kunstkanon sein?


Der Gedanke der Operette ist Rausch,

aus dem Gedanken geboren werden;

die Nüchternheit geht leer aus.

Karl Kraus

Was, da war ein Schrottplatz auf der Bühne? Wie, da haben sie englisch gesprochen? Oh, da haben sie fremde Töne in die Partitur eines genialen Komponisten eingespielt. Wir möchten aber, dass unsere Kunst soundso aussieht und dargeboten wird! Die Form spielt die Musik, die Form ist das, was im Zweifelsfall auch provozieren kann. Wenn der Nazi plötzlich im Hipster-Look einen Kaffee mit Soja-Milch und und dazu einen veganen Salat bestellt, dann bekommen wir ein formales Problem. Wenn der Deutschrap-hörende Skater plötzlich High Heels trägt, dann auch. Wir verehren die Form, sie gibt uns alles, was es nicht gibt: Heimat, Identifikation, Sicherheit. Geschichte. Nein, sie ist das Narrativ von Geschichte und Geschichte ist auch das, was es nicht gibt. Geschichte ist die zeitgenössische Erzählung von dem, was vergangen, also vorbei, ist. Also spielt sich die Geschichte nur da ab, wo es den Erzähler und sein Publikum gibt. Geschichte spielt sich also immer in der Gegenwart ab. Und durch die Form finden wir uns in ihr zurecht.

Zurück zur Form in der Kunst des Geschichte-Erzählens: In der Kunst gibt es auch die Form der Formbrechung. Nämlich dann, wenn der Künstler die/ oder eine bestimmte Form bewusst bricht, um seine Antiform zu etablieren und damit die Katharsis bei entsprechenden Kunstrezipienten zu erzeugen.

Es gibt zwei radikale Konsequenzen dieser Erkenntnis, nämlich dass die Form das Streben nach Reinheit, die Obsession von Wahrheit ist:

Zunächst die Angst vor der Uniform (→ Stefan Zweig), also die Angst davor, dass die Form zum Zwang wird und dieser nach innen wirkt. Die Menschen vereinheitlicht und somit innerlich verkrüppelt, das Individuum vernichtet. Sich ein grauer, monotoner Schleier über uns legt.

Der andere Weg wäre, die Form als Chance zu sehen, als Chance für einen Weg der Wahrheitsfindung und Sinnstiftung. Ohne Form wird die Präsentation schwierig (oder sagen wir irrelevant), die Vereindeutigung von Haltung beinahe unmöglich. Auch künstlerisch bestimmen die Fragen nach Sprache und innerer Logik den Diskurs, um überhaupt über Kunst sprechen zu können und den Versuch der so genannten Radikalität bzw. dem Streben nach Reinheit nachzukommen. Dabei geht es durchaus auch um die Reinigung von Konvention (→ Adorno), die sich Künstler gerne auf die Fahne schreiben, um als echte Künstler akzeptiert zu werden.

Nun würde sich der durchschnittliche linke Intellektuelle wohl meist der ersten Gruppe, der der Formgegner, zuordnen, denn es gehört zu unserem kulturellen Erbgut die Form als Idee abzulehnen. Die so genannten Abgehängten wiederum sehnen sich nach Form, nach Vereindeutigung. Und die Verhältnisse sind wahrlich umgekehrt: Die Welt der Kunstelite ist voll von Form und bestimmt vom Gedanken der Reinheit. Wir reduzieren, provozieren und verklaren. Schaffen eine Logik, eine Konsequenz in unserer Kunst und stecken diese in den „white cube“, damit der Kontrast ins Auge sticht. Wir wollen die Reinheit in unserer Kunst und diese im weißen Raum (egal ob Bühne oder Museum) bestaunen. Wir messen unsere Kunst auch danach wie rein sie ist. Seit der deutschen Nachkriegs-Avantgarde (Beuys, Baselitz, Kiefer etc.) meistens danach, wie rein von Konvention sie ist. Je einfacher, klarer, konsequenter und dabei scheinbar widersprüchlicher ein Kunstwerk ist, desto besser. Dabei gibt es Codes und Moden, die nur dem ausgewählten Fachpublikum zugänglich sind. Und weil man sich mit dieser radikalen, scheinbar ambivalenten Kunst gut schmücken kann (alles käufliche hat Grenzen, die Kunst nicht/ echte Macht ist die Macht über den Kunstmarkt, denn nur er ist genauso grenzenlos ausufernd, wie die Gier der Mächtigen) und vor allem vor unangenehmen Fragen nach Elite und Uniformität gefeit ist (denn Kunst hat ja den angenehmen Ruf per se subversiv zu sein), kann sich jeder Jünger dieses Kunst-perpetuum-mobiles jederzeit geschützt wissen.

Also: die, die ihr strebt nach Reinheit und nach Form, kommt in unsere Tempel, die staatlichen Kunsteinrichtungen. Dort könnt ihr doch die Reinheit erleben. Achso, ihr fühlt euch von der Sprache dort nicht angesprochen, weil es nicht die eure ist? Ihr mögt unsere Codes nicht? Ihr wollt eure Codes sehen, hören, fühlen? Ihr wollt, dass wir Parfum versprühen, halbnackte Leute vor unsere Tore stellen und deutschen Pop oder Schlager spielen? Und ihr wollt, dass wir endlich mal wieder so eine schöne, klassische, lustige Operette spielen? Und ihr wollt schöne Kostüme sehen? Und ihr wollt eine schräge, provokante Performance? Und ihr wollt berührt werden? Okay, wir machen das alles! Wir starten den Versuch der bürgerlichen Codes, die es aber nicht einzeln gibt, sondern zusammen. Versuchen wir eben ambiguitätstolerant zu sein, also genau das, was die Radikalität verbietet. Laden wir ein. Denn die Form zu vermeiden/ zu vernichten bzw. die Form im faschistoiden Sinne zu perfektionieren, zu optimieren (zu verkleinern!), das wird nicht gehen. Wir nehmen also die Kunst, die Konvention, die Tradition, die Moderne, das Zeitgenössische und bauen ein mash-up, welches an Bürgerlichkeit nur so überquillt. Die bürgerliche Katharsis schlechthin. Und damit womöglich auch der bürgerliche Hass. Hoffentlich nicht! Denn subversiv sein, nein, also das möchten wir nun wirklich nicht.



Was wollte uns der Autor damit sagen?


Okay, let's be honest: Die Nacktheit? Also die Modernität, die Jugend, die Natürlichkeit, so wie es Gombrowicz in Ferdydurke nennt? Nagut, klar, was ist schon zu erwarten von einem Mann der schreibt: „Oh! Ich bin tödlich verliebt in den Leib! Der Leib ist für mich nahezu entscheidend. Kein Geist kann körperliche Hässlichkeit wettmachen, und ein körperlich unattraktiver Mensch wird für mich immer zur Rasse der Scheusale gehören, selbst wenn es Sokrates wär!“, dem, seines Wortes folgend, Sinnlichkeit und Leidenschaft wichtiger waren als die Wortweisheit. Ja, er meint es wirklich ernst mit seinem Albertinchen, doch gleichzeitig wird er nicht müde zu betonen, wie abgöttisch er die Maske der Operette verehrt. Er, der ewig mit sich und seinen Wiedersprüchen ringende, er will uns schnell, bevor er geht und uns verwirrt zurücklässt, doch noch etwas sagen, nämlich dass die Jugend und die Nacktheit die Antwort sind. Er, der die Idee des Antwortgebens stets ablehnte („Wer hat bestimmt, dass man nur schreiben soll, wenn man etwas zu sagen hat?“) und auf sein Recht auf Selbstwiderspruch und die Verbindung von Gegensätzen bestand, will uns nun mit dieser wahrlich schönen, doch recht plumpen Antwort in das Chaos entlassen? Dabei schrieb er doch noch in der Trauung: „Der moderne Mensch muss überaus anständig sein, denn der moderne Mensch weiß, dass es nichts Beständiges gibt, nichts Absolutes, sondern dass alles zu jeder Zeit sich neu bildet, zwischen Menschen sich erschafft.“ Tja, und nun das. Eine Gemeinheit, denn diese Version wäre so schön und auch nachvollzieh- und vor allem nachvollfühlbar. Aber was ist das denn, was wir in dem Albertinchen sehen? Na klar, den Sex, der anzieht und dann auch die Befreiung von all dem, was muffig ist und stinkt. Ein schönes Idealbild. Oh, doch höret auf: da ist das Schimpfwort: Das Ideal. Und genau hier ist auch der Trick versteckt. Albertinchen ist eben ein Bild, ein Ideal. Und nicht sie bekommt in der großen Freiheitsszene am Ende das Schlusswort, sondern die ehemals Verstoßenen und Verurteilten und wie lautet es? „Durch uns“. Es geht nämlich nicht um sie, die Person, oder von mir aus auch die Idee der Nacktheit, nein, es geht „um uns“. Um diesen Moment, nämlich die Zeremonie, in der wir alles Alte in den Sarg werfen und das neue Ideal zelebrieren. Die Zeremonie gewinnt. Mal wieder. Und sie muss auch gewinnen, denn der Skandal, den Albertinchen auslöst und den Gombrowicz so sehr liebt, der ist nicht biologischer, sondern gesellschaftlicher Natur. Ohne die Langeweile und den Zwang der Zeremonie würde es den Ausbruch ja nicht geben können. Töten wir die Zeremonie, dann töten wir auch das Außergewöhnliche, was doch so kostbar ist. Am ehesten also, falls wir doch eine Erzählung haben wollen, die Gombrowicz selbst ablehnte, dann wäre es doch folgende: In uns steckt das alles und zwar zwangsläufig, wir sind die Operette und wir brauchen die Idee des Albertinchens, es gibt immer nur beides zusammen und der Pessimismus, den diese Erkenntnis mit sich bringt, ist natürlich, wie könnte es anders sein, auch der Optimismus derselben, nämlich die Idee der Ambiguität, die sich toleriert. Oder wie sagt Gombrowicz selbst in Ferdydurke: „Das Leben, das diese Verbindungen nicht wahrt und seine eigene Entwicklung nicht in ihrer ganzen Ausdehnung realisiert, ist wie ein Haus, das von oben her gebaut wird, und muss unvermeidlich mit der schizophrenen Spaltung des Ich enden.“ Und was ist dann Gombrowiczs Antwort, die er nicht geben will, aber dies unweigerlich doch ab und zu tut? Nunja, wie sprechen seine Feinde, die er verehrt? : „Es sind die besten Köpfe der Hauptstadt. Keiner von ihnen hat auch nur einen einzigen eigenen Gedanken; sollte jedoch einem von ihnen jemals einer kommen, so werde ich ihn schon vertreiben, den Gedanken, oder den Denker.“ Und jetzt könnte man natürlich ahnen, dass er mit dem Denker einen Philosophen, einen Wissenschaftler, einen mit Antworten, einen Menschen mit Haltung und Tugend meint, aber nein, denn diese Begriffe lehnt er allesamt ab: „Hört auf, euch mit dem zu identifizieren, was euch bestimmt. Ihr Künstler, versucht, euch jedem Ausdruck von euch selbst zu entziehen. Traut eurem eigenen Worte nicht. Hütet euch vor eurem Glauben und misstraut euren Gefühlen. Zieht euch aus dem zurück, was ihr nach außen seid, und, wie den Vogel angesichts der Schlange das Zittern des Schreckens befällt, so schreckt vor jeder Äußerlich-Werdung zurück. (…) Was wir heute denken und fühlen, wird für unsere Urenkel unweigerlich Unsinn sein. Daher wäre es besser, wenn wir schon heute die Portion Unsinn darin erkennen würden, welche die Zeit daraus machen wird...“ Und mit Unsinn meint er nicht Quatsch oder das Lachen (was er ja immer eher als Instrument versteht), denn er verehrt den Unsinn, nein, mit Unsinn meint er eine Leichtigkeit, ein Spiel, ein Theater. Er meint also, nur das Denken, also der Sinn, mit der Möglichkeit zum Unsinn und die Mühe sich in eine Distanz zu allem zu begeben, kann uns vor der Fremdbestimmung schützen, die ohnehin mit uns passiert. Wir müssen also uns selbst verlassen, weil wir bestimmt werden und ein anderes Medium für uns suchen als unseren Körper, der lügt. Nehmen wir die Bühne.


Deshalb nein, die Operette ist nicht rein, nicht glatt, niemals. Sie ist nämlich alles; und zwar gleichzeitig. Irgendwie, ich weiß, dass das nicht sonderlich originell ist, fiel mir dazu Otto Dix ein, der nämlich genau das so beherrscht: Die Schönheit der Formen und ihre Brechung gleichzeitig zu zelebrieren:









































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