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  • Philipp Rosendahl

Banalitäten

Gestern wurde im Namen haltloser, pseudo-patriotischer Lügen von so genannten Demonstrierenden das Herz der amerikanischen Demokratie angegriffen, nur wenige Monate nachdem bereits ähnliche Bilder von dem „gestürmten“ Reichtagsgebäude um die Welt gingen. Es ist glaube ich nicht vermessen, im Angesicht der enormen Symbolkraft dieser Bilder, über die gesellschaftlichen Auswirkungen und die Stabilität der demokratischen Institutionen als eben solche nachzudenken. Bei den Abgeordneten des US-amerikanischen Repräsentantenhauses unter der Leitung von Nancy Pelosi herrschte in einem Punkte Einigkeit: Man müsse als demokratisch eingesetzte Repräsentantin, trotz Gefahrenlage, unmittelbar nach Räumung des Sitzungssaales zurückkehren, um die Sitzung ordnungsgemäß fortzuführen und die Wahl des 46. amerikanischen Präsidenten zu bestätigen. Die Demokratie legitimiere sich nur durch ihre funktionierenden Prozesse.


Im Zuge der Corona-Krise hat sich ein Trend, der ohnehin unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzufressen drohte, verschärft: Wir bestätigen uns in unseren eigenen Wahrheiten, so lange bis wir unseren Mitmenschen und ihren Haltungen und Beweggründen vollkommen fassungslos gegenüberstehen und wundern uns, dass es kein gemeinsames Fundament für eine Art Zusammenleben gibt. Wir empören uns gar. Und machen dann stets die jeweils „feindliche“ Seite für das gesellschaftliche Missempfinden verantwortlich. Und schließlich, und hier kommen wir zum wichtigsten Punkt, leugnen wir diesen Mechanismus, indem wir uns gegenseitig die Offenheits-/Solidaritäts-/Demokratie- Litanei vorbeten und uns gegenseitig in unserer über-toleranten Art bestätigen. Dabei ist die Zeit längst vorbei, in der wir uns in unserer „Demokratie-ist-allgegenwärtig-heuchel-Wohlfühlblase“ zurückziehen können. Schon Aischylos hat uns mit seiner Orestie gelehrt, dass es mangels eindeutiger Wahrheiten ein Ersatzverfahren für die gesamtgesellschaftliche Gesetzgebung braucht und zwar nicht, weil jemand weiß, wie es geht, sondern weil niemand etwas Besseres hat. Es gilt also nicht etwa zu beweisen, dass man die Weisheit mit Löffeln gefressen hat und deshalb eben Demokrat*in ist, sondern darum, das Fehlen von Wahrheiten als legitimen Grund für das demokratische System darzulegen. Und guess what: Diese Arbeit ist weder besonders attraktiv, noch dauerhaft selbstbestätigend oder auf irgendeine Weise endlich, aber eben unbedingt notwendig, wenn man an den Erhalt von demokratischen Institutionen glaubt.


Eigentlich brauchen wir keine Verrückten auf Treppen von Parlamenten, keine Wahrheitsfanatiker, die jede empirische dargelegte Faktenlage als Verschwörung verteufeln. Eigentlich reichen die individuellen Auswirkungen der Corona-Krise auf uns alle, um jetzt zu betrachten, was wir die letzten Jahre (und Jahrzehnte?) verpasst haben. Nicht Wenige stehen durch Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit oder einfach nur Angst vor der eigenen Verletzlichkeit an existenziellen Punkten in ihrem Leben und müssen sich zwangsläufig neu mit der Frage konfrontieren, was eigentlich von Wert und sinnstiftend ist und was nicht. Unmöglich geworden sind für viele die so gut funktionierenden Verdrängungsmechanismen die der Kapitalismus uns so lange als freundliches give-away an die Hand gegeben hat: Weiter, schneller, besser, geiler und so. Jeder kennt die abgedroschenen Worte. Die meisten leben trotzdem nach ihrer Maxime. Dabei ist die Frage nach Wert und Sinn natürlich nicht nur eine lästige Begleiterscheinung der Pandemie, die noch schnell mit der Therapeutin oder dem Selbsthilfebuch abgearbeitet werden muss, sondern im Grunde das, was wir brauchen, um gesellschaftliche Fragen wieder ehrlich zu beantworten und demokratische Prozesse zu legitimieren. Im Grunde also eine Chance. Eine Chance uns neu zu erfinden, alte Probleme neu zu beleuchten, Schritte ins Ungewisse zu gehen, die nicht von Angst, sondern von Aufrichtigkeit und Bereitschaft geprägt sind. Dinge, die man bräuchte, hätte man ein ernsthaft demokratisches Interesse. Dinge, die man bräuchte, wollte man Kunst machen.


Indes, was machen die Theater, die meist größten Institutionen der Städte, um Kreativität zu fördern und zu fordern, Umdenken zu evozieren, Perspektiven aufzuzeigen?


Landauf landab hört man das gleiche: Zunächst sind alle, wie eigentlich immer, chronisch überarbeitet und überlastet, obwohl es die Hauptaufgabe der Theater, nämlich Vorstellungen zu spielen, ja faktisch gar nicht gibt. Trotzdem muss es weitergehen, Pläne müssen eingehalten werden, an bereits getroffene Verabredungen muss man sich halten und schließlich wisse man ja nicht, wann es weitergehe, sodass man jederzeit bereit sein müsse, mit breitem Repertoire die Häuser wieder zu bespielen. Es werden „Geisterpremieren“ gespielt, es wird ins Leere geprobt, das Stresslevel ist hoch, denn für jede Regieperson sieht die Zukunft dunkel aus und sollte das Stück rauskommen, irgendwann, muss es das Beste sein, damit man nicht vergessen wird. Es wird also mit Hochdruck und ohne Output gearbeitet an Dingen, die eigentlich schon überholt sind, denn geplant wurde das ganze ja als Corona noch ein Sommerpausenbier war.

Während also die freischaffenden Kunstschaffenden depressiv zu Hause hocken und halb ironisch das Studienangebot der ansässigen Fakultäten durchscrollen, sind die Festen im Stadttheater-Fleischwolf eingesperrt und müssen das Kultur-Hamsterrad belaufen, während ihnen ihr idealistischer Grund dies zu tun, nämlich wahre, große Kunst zu erschaffen, gänzlich genommen wurde.

Alternativ gibt es noch das Modell „Entschleunigung“. Unter dem Vorwand man tue etwas für die Mitarbeiter*innen, indem man ihnen eine Verschnaufpause gönne, wird der Kultur- und Bildungsauftrag gänzlich ignoriert. Ein „kluger Diskurs zur aktuellen Lage“ zwischen Intendant und Chefdramaturgin auf der Website des Theaters muss genügen, denn schließlich sei ein Theater ein Ort des Miteinanders und das sei ja eben momentan nicht möglich. Dass auch hier ganze künstlerische Existenzen dranhängen und auch die festangestellten Mitarbeiter*innen ihren Sinn im Schaffen, nicht im Rumsitzen sehen, das mag zwar für manchen wahr sein, aber sei eben jetzt so. Und ans Publikum wird eh schon lange nicht mehr gedacht, warum soll man das jetzt in der Krise ändern.

Und dann gibt es noch die Planenden: Diese mühen sich nicht ab mit aktuellen Lästigkeiten, soll doch die Pressechefin das Online-Programm gestalten, das ist ja auch nicht der Experten-Bereich von Theaterschaffenden. Theaterschaffende lesen, bilden sich weiter und haben dann große Visionen – für „das Stadttheater der Zukunft“. Die Planenden fragen sich, wie sie die lückenhaften Terminkalender von hippen Regiepersonen für sich nutzen können – obwohl sie kein Hauptstadttheater sind, was sie aber lieber wären. Deshalb überlegen die Planenden sich hippe Namen und Slogans, die sie nach der Pandemie an ihr Hauptstadt-Theater hängen können, was fälschlicherweise in der Provinz steht. Obwohl: Gar nicht so schlecht. Chance, ein Geheimtipp zu werden. Die lokalen Belange vom Publikum interessieren die Planenden eher weniger, denn seit wann hat das sich Anbiedern jemals zu großer Kunst geführt und nach etlichen Diskussionsrunden auf Augenhöhe hat man sich darauf einigen können: Trotz fehlender Mittel an vielen Stellen, trotz mittelmäßiger Mitarbeiter*innen in manchen Abteilungen, trotz spießigem Abopublikum, soll große Kunst gemacht werden, am besten partizipativ irgendwie, am besten mit überregionaler Strahlkraft. Ja, darauf können sich alle einigen. Getan wird dafür folgendes: Interessante Klassiker werden auf die Neurosen und Störungen ihrer Schöpfer*innen hin untersucht und mit ironischer Distanzhaltung dazu inszeniert, daneben wären ein paar Stadtprojekte gut mit Behinderten, Armen, wütenden Frauen oder anderweitig marginalisierten Gruppen ihrer Wahl, da finden wir schon welche, Uraufführungen müssen sein, vor allem von Leuten, die schon mal ein aufmerksamkeitserregendes Stück geschrieben haben, das gleiche nochmal aufführen wäre ja absurd und würde keine Presse bringen und dann noch das Märchen, was für die Kasse oder ein Musical. Am besten beides zusammen, dann verliert man nicht eine Position an den Mainstream-Scheiß, der aber trotzdem cool klingen soll. Vielleicht was Feministisches. Kann man Dorothy aus dem Zauberer von Oz feministisch lesen? Ja, dann machen wir doch das. Und nennen es nur Oz. So. Und die freigewordene Position bekommt die Fridays-for-future-Stückentwicklung oder die Romanadaption von The Circle. Also irgendwas mit Filterblasen wäre schon wichtig, obwohl das kann man ja mit Don Carlos auch ganz gut erzählen. Dann wäre der Transfer ein größerer und die Darsteller*innen könnten in großen transparenten Plastikbällen auf der Bühne sein. Quasi eingesperrt in der eigenen unsichtbaren Filterblase. Da bekommt doch „Es ist wenig, was man zur Seligkeit bedarf“ eine ganz neue Bedeutung. Eignet sich auch ganz gut als Spielzeitmotto auf längst schon unmodern-modernen Jutebeuteln und die Plastikbälle erst, super für die Ensemblephotos.

Natürlich passiert all das nicht in drei vier Sätzen, sondern wird ausführlich diskutiert in vielen Sitzungen und dann konsensuell so entschieden.


Und ach, wegen Corona: Die Pest von Camus.


Kurt Weill schrieb 1948:

„Mein Lehrer Busoni hat mir am Ende seines Lebens eine Binsenweisheit eingebleut, die er nach 50 Jahren Ästhetizismus erreicht hat: die Furcht vor dem Trivialen ist eines der größten Hindernisse für den modernen Künstler; es ist der Hauptgrund, warum die „moderne Musik“ sich mehr und mehr von den echten Gefühlen der Menschen in unserer Zeit entfernte.“


Vielleicht sollen die verstörenden Bilder von gestürmten, demokratischen Institutionen uns daran erinnern, dass es am Ende des Tages nichts Wahres und Beständiges gibt. Dass eine Institution nur ein sicherer Ort sein kann, wenn er von den Menschen getragen und verteidigt wird. Und dass die Menschen nur das verteidigen, was in ihren Welten Sinn gibt.


Stattdessen dienen unsere Institutionen oft den Menschen, die nicht bereit sind, ihre eigene Verletzlichkeit preiszugeben, die nicht bereit sind, ihre eigenen Normen stetig und aufrichtig zu hinterfragen und die nicht bereit sind zuzuhören. Zu wichtig sind Prestige und Meinung von Menschen, die nicht Publikum sind, zu arrogant und abgehoben die Haltung, was Kunst kann und muss. Wobei es meistens ja ohnehin nicht um Kunst geht, sondern um Eitelkeiten, die bedient werden wollen. Aber selbst wenn, das Wichtigste für Theaterleute scheint zu sein, besonders klug oder eben hip zu wirken. Wahrhaftigkeit, Verletzlichkeit, Trivialität? Begriffe, die beschreiben woraus Kunst besteht und die trotzdem meist verpönt sind, in den heiligen Hallen der deutschen Theater.


Ich erkläre sie für tot, die Zeit in der man mit ironisch distanzierter Haltung den dystopischen Untergang der Zivilisation auf Bühnen höhnisch lachend zelebrieren kann. Wir haben es verstanden. Die Distanz hat uns genau hierhin geführt, in eine Zeit wo niemand irgend jemand etwas glaubt. Nicht einmal wir uns selber. Die ironische Distanz ist unsere Identität geworden und wir wundern uns, dass Menschen sich alternative Räume suchen für ihre Phantasie. Heuchelei wohin man blickt. Die Beschäftigung mit neuen Trends der Zeit findet zwar statt, aber nur auf Transparenten. Geforscht, gesucht, gelitten wird dabei meist nicht.


Vielleicht müsste man sich Zeit nehmen, um überhaupt zu hören und zu fühlen, was passiert. Vielleicht müsste man den Mut haben, das vor sich selbst und anderen auch zu formulieren, trotz wahrscheinlicher Trivialität. Vielleicht müsste man Alliierte finden, denen es ähnlich geht. Vielleicht entsteht Kunst daraus. Vielleicht auch nicht. Vielleicht muss man diskutieren, wann warum keine Kunst entstehen kann. Vielleicht ist das schon wieder Kunst. Wohl eher nicht. Vielleicht muss man versagen und zwar nicht öffentlichkeitswirksam, sondern für sich selbst. Vielleicht ist diese Ehrlichkeit banal, aber vielleicht berührt sie irgendwen und vielleicht gibt’s dann schon zwei, denen es ähnlich geht. Eine Blase weniger. Ein Gespräch mehr, ein Konsens mehr, der, wenn man viele davon sammelt, Grundstein für Zusammenleben sein kann. Vielleicht ist das nicht hip, aber vielleicht ist das das Einzige, was Theater wirklich kann.

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